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Carlotta Charlotte Chesnelong

« Kommen sie nach Paris, rue de la Main-d’Or, neben der Faubourg-Saint-Antoine », sagt uns die Stimme am Telefon. Die Adresse gibt und ein schönes Bild. Das war im Februar 2014, als wir eine Illustratorin für bythelake suchten.

Ein Künstler-Atelier. Wir klopfen an die Tür und nach einer Weile öffnet uns lächelnd eine Frau mit braunen Haaren: « entschuldigen sie bitte die Wartezeit. Habe ich ihnen nicht gesagt, dass ich etwas Mühe habe, mit fortzubewegen? Kommen sie rein! » Das Atelier ist ein heiteres Durcheinander, eine echte Schatzkiste gefüllt mit den tausend Dingen, die Carlotta liebt.

Carlotta ist Charlotte C.,  geboren in Lyon. Sie beginnt ihre Karriere als Illustratorin in der Hauptstadt der Mode, einem Universum, welches den Geburtsschein von Carlotta beinhaltet. Als feine Beobachterin verfolgt sie unaufhörlich ihre Zeitgenossen, behält ihren stilsicheren Zeichnungsstrich mit schelmischen Akzenten und integriert dabei mit Humor in ihren Skizzen die verschiedenen Etapen ihres Lebens als Frau und Mutter, und heute ihren Kampf, um den Blick auf die Behinderung zu ändern, von welcher sie betroffen ist.

Es gibt keine Ausbildungsstätte für Presse-Illustratoren, jeder Zeichner hat seinen eigenen Werdegang. Wie entwickelte sich ihr Parcours?

Ich habe meine Kindheit mit Basteln verbracht mit jeglichen Materialien wie Stoff, Holz, Erde…  gezeichnet habe ich nie.  Es war stets mein Wunsch, kein Studium zu absolvieren.  Mit 18 Jahren wurde ich im Studio Berçot, einer Stylisten-Schule in Paris, aufgenommen. Da kam die Offenbarung: „im Zeichnen sind sie gut, allerdings nicht für das Entwerfen von Modellen“.

Diese Jahre haben mich geprägt. Jeden Morgen musste man im Studio Berçot an der Arbeit sein, die Besitzerin, Marie Rucki, war sehr streng.  Sie war sehr sophistisch und liebte die Nähkunst. Mein Zeichner-Auge hat sich entwickelt bei zweimaligem Modell-Zeichnen pro Woche während vier Jahrenelle-palace.fev86 und den Probezeiten mit den Stylisten. Ich habe in dieser Umgebung arbeiten gelernt.  Man hatte Zukunftspläne und sich gleichzeitig gesagt, dass alles realisiert werden könnte.

Ich verdanke die Anfänge  meinen „nächtlichen Begegnungen“; alle haben zu dieser Zeit so gearbeitet.  Jeden Nachmittag haben wir mit Nähen verbracht: man hat sich ein Rock pro Tag angefertigt, um ins Palace(1) gehen zu können. Dort hat der Besitzer die gutaussehenden Leute reingelassen, auch wenn man kein Geld hatte; man hat sich also bemüht, nicht vor der Tür gelassen zu werden. Im Palace hat man „die Leute“ getroffen: Loulou de la Falaise, Yves Mourousi, Andy Wharol, Basquiat,… Dort habe ich Gérard Lefort(2) getroffen, der mir angeboten hat, die Modeschauen für die Zeitung „Libération“ zu illustrieren, was ich während zwei oder drei Saisons gemacht habe; diese Arbeit war wichtig für meinen Werdegang.

Schlussendlich war ich während 20 Jahren Zeichner-Ausbilderin im Studio Berçot, und habe daneben als Presse-Illustratorin gearbeitet. Danach habe ich mit Illustrationen für Mode- und Frauenmagazine in Frankreich, USA, Deutschland und Japan fortgefahren. Heute arbeite ich vorwiegend für Blogs wie bythelake, was ich sehr liebe, ich bin eine Lyonnerin mit einer Verehrung  für die Schweiz und Genf ist wie eine kleine Hauptstadt!

Vor einigen Jahren haben sie eine Verminderung ihrer Bewegungsfähigkeit festgestellt, auf eine medizinische Diagnose mussten sie während Monaten warten…

Ich leide an SLA, einer Charcot-Krankheit (amyotrophische Lateralsklerose). Jeder hat wohl vom „Ice-Bucket-Challenge“ gehört. Diese Aktion hatte zum Ziel, über diese Krankheit zu orientieren und gleichzeitig Geld für die Forschung in den USA zu sammeln, das war ein Erfolg. Ich persönlich habe während langer Zeit auf eine Diagnose gewartet, während dem ich an Gleichgewichtsstörungen litt, ich habe während dieser Periode alles versucht: Akupunktur, Glutenfreie Ernährung, Fussmassage eines Chiropraktikers … ich habe 10kg verloren, das war alles! Die Diagnose wurde mir im Jahre 2013 mitgeteilt und der Arzt sagte: „die einzige Medikation ist die Ernährung, sie müssen essen, um eine Reserve aufzubauen. Diejenigen, die durchhalten, sind jene, die ein wenig Bauchfett aufweisen.“ Man verbraucht viel Energie für wenig Anstrengung; ich esse also Proteine, fette Fische, rohes Eigelb für das Gehirn und wenig Zucker. Massagen sind sehr wichtig; das verbessert meine Ausdrucksweise und mein Gleichgewicht, ich stürzte regelmässig wie Charlie Chaplin.

Hat die Krankheit ihr Leben verändert?

 Diese Frage erinnert mich an ein Interview des Restaurateurs Marc Veyrat, welcher es nach seinem Skiunfall verstand, aus einem Schicksalsschlag neue Energie zu schöpfen … Leute, welche in ihrem Leben einen Rückschlag erleiden, können Positives darausziehen … ich bin viel positiver und weniger angstvoll geworden. Für mich ist heute alles erlaubt, das hat sich bei mir schlagartig eingestellt am Tag, wo ich erfuhr, woran ich litt.

bon pointNatürlich wäre ich gerne weniger langsam, ich war „Speedy Gonzales“, während dem ich heute eher einer Schnecke gleiche.  Meinem Rythmus entsprechend erledige ich  so viel wie früher und ich sage eher, was ich denke,  und das auf natürliche Weise. Ich habe einen elektrischen Sooter, meinen Sootix … das ist mein Rollstuhl. Anderntags wollte ich einkaufen gehen und habe all die Hindernisse festgestellt, um überhaupt in ein Geschäft einzutreten. Wütend kontaktierte ich die Boutiquen in meinem Quartier, wo ich nicht eintreten konnte. Man benötigt 5 kleine Zentimeter und 50 Euros, um eine entsprechende Rampe zu installieren. Ich habe also einen Aufruf an all die Verantwortlichen der Geschäfte gemacht, ich kann in 2 Minuten eine Nervenkrise simulieren (lacht), „wie würden sie an meiner Stelle eintreten?“  Über diese Frage will ich unter dem Aspekt „Mode und Nichtigkeit“ sprechen und nicht aus dem medizinischen Standpunkt… Die Handicapink-Haltung: Ich habe Bonuspunkte abgegeben für Boutiquen mit Handicap-Zugang, und das ist nicht alles … ich bin daran, eine illustrierte Kampagne auf nationaler Ebene zu lancieren, damit die Geschäftsinhaber ihre Boutiquen entsprechend einrichten!

Ihre Inspiration und Übermittlung?

natalya

Natalya

 Über meine diesbezüglichen Referenzen könnte ich ein Wörterbuch schreiben … da sind zuerst Saul Steinberg, aber auch Sempé, Gould, Bretécher enthalten. Ich liebe den puren Schöngeist der Japaner, ich habe viel Zeit verbracht, ihre Farbholzschnitte zu kopieren. Mein Zeichnungsstrich ist von demjenigen der Stylisten inspiriert, meinem Universum seit dem Beginn meiner Tätigkeit, und Carlotta ist die Frau des Augenblicks, sie gibt den Moment wieder.  

Mit den neuen Technologien sind wir heutzutage überflutet von Photos. Die Zeichnung ist symbolischer als das Photo, sie bleibt einfacher im Gedächtnis; eine Zeichnung drückt das Wesentliche aus, aber auch einen Teil einer Vorstellung und des allgemeinen Unbewusstseins. Während meinen Anfängen waren Bleistift und Xerox meine Utensilien, mit dem Computer werden neue Werkzeuge im kreativen Schaffen integriert. Das verändert auch die Inspiration und Übermittlung.  Eine junge Russin, Natalya, die mit Illustrationen beginnt, hat mich kürzlich  via Facebook kontaktiert. Sie hat sich ein Billet nach Paris gekauft und ist mit ihren Skizzen und einer Flasche Vodka angekommen, um sich vergnügsam kennenzulernen! Ich habe während 20 Jahren Zeichnungsschüler ausgebildet; die Übermittlung der Fähigkeiten ist ein grosses Vergnügen!

(1) Pariser Nachtklub der Achziger Jahre.

(2) Verantwortlicher der Abteiliung Kultur der Zeitung Libération

Claire-Alice Brenac, Oktober 2015  /  Übersetzung Monika Ochsenbein Xydas